Welche Rolle spielt User Centered Design für die Digitalisierung? – Ein Interview mit Xaver Bodendörfer

Wir tauschen uns immer wieder gerne mit anderen Unternehmen aus, die in ähnlichen Bereichen tätig sind wie wir selbst. So auch diesmal in einem Interview mit Xaver Bodendörfer, der für die eresult GmbH arbeitet. Als Full-Service-Agentur bietet die eresult GmbH alle Dienstleistungen rund um Usability und User Experience. User Centered Design ist dabei ihre höchste Maxime und speziell um dieses Thema ging es auch in unserem Gespräch mit Xaver, insbesondere natürlich im Zusammenhang mit dem digitalen Wandel.
Wie würdest du persönlich eigentlich User Centered Design definieren?

Gleich zum Einstieg eine Definition, fast wie in der Uni.: Die „offizielle“ Definition (DIN ISO 9241:210) beschreibt den User Centered Design Prozess mit 4 Phasen, die Planung einmal außen vorgelassen: Verstehen des Nutzungskontextes, Festlegung der Nutzungsanforderungen, Entwurf von Gestaltungslösungen und Evaluation der Gestaltungslösungen. Diese vier Phasen werden dann iterativ so lange durchlaufen, bis die Lösungen den Nutzern und Ihren Anforderungen gerecht werden.

Ich persönlich verstehe unter User Centered Design mehr als das Einhalten des dort beschriebenen Prozesses und der entsprechenden Methoden. User Centered Design bedeutet von Anfang an vom Nutzer aus zu denken. Was treibt ihn an? Wie verhält er sich? Welche Probleme hat er? Was denkt er und fühlt er? Warum? etc. Dieses Denken muss in die Köpfe des gesamten Teams (Entwickler, Designer, Produktmanager, usw.). Erst wenn das ganze Team diese Perspektive („user centered“) einnehmen kann, gelingt User Centered Design.

Warum ist dieses Thema im Zusammenhang mit der digitalen Transformation / Digitalisierung so wichtig?

Ein gutes Beispiel hierfür ist der aktuelle Trend der Conversational User Interfaces. Viele Unternehmen probieren sich an Chatbots, Amazon Alexa Skills, Google Actions und so weiter aus. Verständlicherweise, denn niemand will den Trend verpassen.

Dadurch passiert es häufig, dass nicht mehr vom Nutzer aus gedacht wird, sondern z.B. der Content, die Produkte, die Möglichkeiten in den Vordergrund treten. Der so entstehende Bot hat dann aus Nutzersicht keinen Mehrwert, weil z.B. in der tatsächlichen Nutzungssituation eine andere Interaktionsform geeigneter ist, oder die Inhalte nicht hilfreich sind, etc.

Wie läuft so eine Entwicklung genau ab und wie lange dauert sie?

Das ist pauschal nicht zu beantworten. Idealerweise ist die gesamte Entwicklung ein kontinuierlicher Prozess. Gerade digitale Produkte können und sollten stetig weiterentwickelt und optimiert werden. Darüber hinaus hängt die Dauer stark vom Produkt und den eingesetzten Methoden ab.

Was begeistert dich persönlich am Thema User Centered Design?

Mich begeistert die Verzahnung von Forschung und Design. Durch systematisch erhobene Daten (User Research, UX Tests, etc.) werden a) die Anforderungen an das Produkt und das (Interaktions-) Design definiert, und b) können Produkte und Lösungen dadurch evaluiert werden. Kriterien wie „einfache Nutzung“ oder „Innovationsgrad“ können messbar gemacht – und dadurch gezielt optimiert werden. Das Ganze wird nicht zum Selbstzweck gemacht, sondern um erfolgreichere Produkte entwickeln zu können und dadurch glücklichere Nutzer und Kunden zu bekommen.

Was denkst du, wie wird sich das Gebiet zukünftig entwickeln?

Aktuell sehe ich zwei Entwicklungen. Erstens steigt der Bedarf an UX-Dienstleistungen, und zwar entlang des gesamten User Centered Design Prozesses (z.B. aufgrund der zunehmenden Digitalisierung).
Zweitens ändern sich die Anforderungen: UX-ler arbeiten stärker mit und in agilen Teams mit. Das heißt Prozesse und Methoden müssen entsprechend angepasst werden. Ein Beispiel dafür ist der User Feedback Day. Dabei führen wir (Mini-)UX Tests in regelmäßigen Abständen durch – und zwar angepasst an die Entwicklungszyklen der jeweiligen Teams.

Wie unterscheidet sich User Centered Design vom Design Thinking?

Zunächst kann man folgendes feststellen: Design Thinking und User Centered Design haben viel gemeinsam. Ein Beispiel hierfür ist die Einbindung des Nutzers in den gesamten Entwicklungsprozess – und damit einhergehend die Ausrichtung der Produkte bzw. Angebote an den Nutzern. Auch die zum Einsatz kommenden Methoden ähneln sich stark. Die beiden Konzepte unterscheiden sich „nur“ in dem verfolgten Ziel oder dem Einsatzbereich. Während User Centered Design angewandt wird, um die UX von Produkte zu optimieren, kann man durch Design Thinking eher innovative, neue Ideen und Lösungen entwickeln.


Zusammengefasst: Meiner Meinung nach sollte man sich nicht zwischen den Konzepten (User Centered Design vs. Design Thinking) entscheiden, sondern je nach Frage- und Problemstellung die passende Methode einsetzen. Ob man das dann Design Thinking oder User Centered Design nennt, ist zweitrangig.

Und zu guter Letzt noch eine ganz generelle die Frage: Was sind heutzutage bei der Entwicklung einer Anwendung die wichtigsten Aspekte?

Wichtig ist, dass man trotz der Schnelligkeit der heutigen Zeit, der Dynamik, des rasanten technischen Fortschritts und der damit einhergehenden Möglichkeiten, nicht den Nutzer und seine Bedürfnisse und Verhaltensweisen aus den Augen verliert.

Xaver Bodendörfer ist seit Januar 2016 für die eresult GmbH am Standort München tätig. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Leitung und Durchführung von Projekten in den Bereichen Research und Testing. Dabei ist er sowohl bei qualitativen (z.B. Uselabs) als auch bei quantitativen Studien (z.B. Befragungen) im Einsatz. Besonders erfahren ist er mit der Forschung zu (responsiven) Webseiten, Anzeige-Bedienkonzepten im Fahrzeug, sowie Conversational User Interfaces.

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